„Wir wollen wachsen“
Kempten, 24.3.2026. Nachhaltig und mit Bedacht will der Kemptener Mittelständler PRÄG sein Tankstellennetz erweitern und mit neuen, auch digitalen Services versehen. SCO-Systeme sollen in diesem Jahr implementiert werden, E-Mobilitätskonzepte entwickelt PRÄG über die Tankstelle hinaus. Geschäftsführer Klaus-Rüdiger Bischoff im tankstellenWelt-Interview
tankstellenWelt (tW): Herr Bischoff, wie bewerten Sie grundsätzlich das wirtschaftliche Umfeld, in dem sich Tankstellen gerade bewegen?
Klaus-Rüdiger Bischoff: Das Marktumfeld ist unverändert anspruchsvoll – bereits vor dem Ausbruch des Irankriegs war die wirtschaftliche Lage von Unsicherheit und Zurückhaltung geprägt. Das Konsumklima ist weiterhin sehr angespannt und die Einkaufsbereitschaft der Menschen spürbar zurückhaltend. Nichtsdestotrotz konnten wir in den letzten Jahren gute Geschäfte an der Tankstelle machen. Dabei sind wir mehr denn je gefordert, Trends aufzuspüren und diese dort auch zu vermarkten. Ich denke da etwa an Produkte wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer, E-Shishas, die in den Tankstellen-Shops enorm wachsen. Sehr herausfordernd für die gesamte Tankstellenbranche ist die Entscheidung zum Mindestlohn. Dieser ist jetzt auf 13,90 Euro gestiegen und 2027 erfolgt eine weitere Anhebung auf 14,60 Euro. Die extreme Steigerung in den letzten Jahren hat substanzielle Auswirkungen auf die Kosten der Tankstellenbetreiber und wird die Tankstellenbranche weiter unter Druck setzen.
tW: Weniger Benzin und Diesel, dafür mehr Strom und andere Energie-Alternativen. So soll infolge der Energiewende die Straßenmobilität von morgen aussehen. Wie können Tankstellen vor diesem Hintergrund ihre Position als Spezialisten für Mobilitätsdienstleistungen behaupten?
Bischoff: Wir sehen unsere derzeit 110 Tankstellen hierzulande auch künftig als zentrale Anlaufstellen für moderne Mobilität. Die Tankstelle ist und bleibt ein Ort, an dem Mobilität erlebbar ist – heute und in Zukunft. Tankstellen werden in dieser Rolle aber weit mehr bieten müssen als nur Kraftstoffe. Daher beobachten wir sehr genau den Markt und analysieren Möglichkeiten, das Angebot an der Tankstelle, gerade auch im Kernbereich Kraftstoffe, auszuweiten. Dabei bieten wir an unseren Stationen natürlich alle klassischen Kraftstoffe an, engagieren uns aktiv für die Entwicklung und Einführung regenerativer Kraftstoffe wie biogen-synthetisches HVO sowie die grünstrombasierten E-Fuels und investieren daneben gezielt in Schnellladeinfrastruktur.
Wichtig dafür ist, dass uns die Politik bzw. der Gesetzgeber keine Steine in den Weg legt. Dies ist jedoch aktuell noch der Fall – Beispiele dafür gibt es genügend, angefangen bei der nahezu absoluten Festlegung auf die Elektromobilität – von echter Technologieoffenheit etwa gegenüber synthetischen Kraftstoffen wie E-Fuels zeugt das nicht. Und auch, dass die Politik weiterhin kaum Bereitschaft erkennen lässt, Superbenzin E5 als Schutzsorte abzuschaffen, ist für uns nicht nachzuvollziehen. Weniger als 1 Prozent der Autos vertragen heute kein E10. Würde E5 als Schutzsorte wegfallen, müsste dieses Produkt den Kundinnen und Kunden an der Tankstelle nicht mehr angeboten werden und wir könnten einen Tank für regenerative Kraftstoffe nutzen.
tW: Welche Rolle spielen weitere Services wie Convenience/ Foodvenience, Carwash, aber auch andere Dienstleistungen wie Paketservices u. ä. zukünftig?
Bischoff: Unsere Erfahrung zeigt: Kundinnen und Kunden wünschen sich an der Tankstelle mehr als nur Tanken und Waschen. Sie möchten die Dinge des täglichen Lebens, die schnell zu erledigen sind, an einem zentralen Punkt komfortabel und schnell abwickeln: Pakete abholen, einen Coffee to Go mitnehmen und noch schnell einen Lottoschein ausfüllen. Also vor allem Tätigkeiten bzw. Erledigungen, die schnell gehen sollen und wo zum Teil, wie bei der Paketabholung, das Auto als Transportmittel eine Rolle spielt. In einigen unserer Tankstellen funktionieren auch traditionelle Geschäfte wie bspw. die Verleihung von Anhängern sehr gut. Für all das bietet sich die Tankstelle ideal an.
Wir versuchen daher, unsere Standorte zu regionalen Versorgungspunkten weiterzuentwickeln, mit individuellen, auf den jeweiligen Standort zugeschnittenen Shop-Konzepten, Post- und Paketdiensten, Lottoannahmestellen und attraktiven Bistro-Lösungen. Nicht zu vergessen sind dabei auch unsere modernen Carwash-Angebote. Wir treiben auch im Waschbereich an den einzelnen Tankstellen kontinuierlich die Digitalisierung unseres Services konsequent voran. An rund 30 unserer Standorte können Kundinnen und Kunden ihre Autowäsche bereits bequem über die ryd-App buchen. Die Nutzerinnen und Nutzer erleben die Wäsche so als komfortabel und zeitgemäß.
PRÄG ist zudem Partner auf dem digitalen Marktplatz WashNow des Anlagenherstellers WashTec. Die Plattform bringt das Prinzip moderner Service-Apps inklusive Abo- und Flatrate- Modellen in die Welt der Autowäsche. Der Service WashNow lässt sich nahtlos in Plattformen, Apps und sogar in die Infotainmentsysteme der Autobauer integrieren. Das ist ein erfrischend klarer Fokus auf Digitalisierung und Kundenerlebnis. Alle diese Dienstleistungen und vielleicht noch weitere steigern die Aufenthaltsqualität und machen die Tankstelle zu einem lebendigen Treffpunkt.
tW: Und wie bereitet PRÄG das eigene Tankstellennetz auf diese veränderte automobile Zukunft vor? Welches sind die Energieangebote, die die Kundinnen und Kunden an den Tankstellen des Unternehmen künftig vermehrt finden werden?
Bischoff: Wir verfolgen auch hier neben einem technologieoffenen Ansatz eine sehr offene Strategie, die bei der Elektromobilität über die klassische Tankstelle hinausgeht. Was heißt das: Wir werden natürlich unsere Tankstellen auch mit regenerativen Kraftstoffen ausstatten, soweit es technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir gehen dabei jedoch mit Bedacht vor. So bieten wir seit diesem Jahr an einer Aral-Tankstelle in Krumbach sowie an unserer PIN-Tankstelle in Augsburg das Produkt HVO100 an.
Die Elektro-Mobilität hierzulande wächst, allerdings deutlich langsamer als erwartet. Die ursprünglich einmal angekündigten 15 Millionen vollelektrischen Fahrzeuge auf deutschen Straßen bis 2030 werden wir sicherlich nicht sehen. Momentan wird von realistischen 6 Millionen Fahrzeugen gesprochen. Der Hochlauf wird weitergehen, aber langsamer als erwartet. Das bringt eine gewisse Stabilität für den Verbrenner, was für das Tankstellengeschäft nicht schlecht ist. Aber ohne Zweifel, der Kraftstoffverbrauch und somit der Kraftstoffabsatz kommt perspektivisch unter Druck. Wir statten daher die eine oder andere unserer Stationen nach und nach mit Schnellladern für Elektrofahrzeuge aus, wo immer es sinnvoll und machbar ist. Jedoch sehen wir dies sehr differenziert.
Auf der einen Seite gibt es die Rahmenbedingungen, die passen müssen, wie Vertragslaufzeiten – mit Partnern oder Vermietern – oder die Größe der Tankstellengrundstücke.
Ein weiterer ganz wichtiger Punkt für eine Realisierung ist die Kapazität der Netzanschluss-Leistung, die am Grundstück anliegt und die ganz wesentlich somit die Gesamtkosten der E-Ladeeinrichtung bestimmt. Auf der anderen Seite gibt es einen maßgeblichen Gegensatz zum bisherigen flüssigen Kraftstoff – den konnte man nämlich nur an Tankstellen tanken. Strom ist dagegen nicht auf einen Ort beschränkt und das E-Auto kann fast überall geladen werden. Und hier sehen wir das Laden zu Hause, an der Arbeitsstätte sowie beim Einkaufen sogar unter bestimmten Gesichtspunkten als komfortabler und oftmals auch günstiger für die Autofahrerinnen und Autofahrer an. Unsere Unternehmensstrategie für Elektromobilität umfasst daher im Kern nicht die Tankstellen selbst, sondern inzwischen auch knapp 200 Ladepunkte in ganz Bayerisch-Schwaben.
tW: Setzt man weiter auf die Kombination aus Markenpartnerschaft und eigener Marke?
Bischoff: Ja, wir setzen weiterhin auf die Kombination aus Markenpartnerschaft und unserer Eigenmarke. Unter der Marke unseres Hauptmarkengebers Aral betreiben wir schon seit 2008 sehr erfolgreich 77 Straßentankstellen, weitere 25 sind unter der Eigenmarke PIN geflaggt. Die Kombination aus Markenpartnerschaft und eigener Marke erlaubt es uns, flexibel und individuell auf regionale Märkte zu reagieren. So profitieren nicht nur wir, sondern vor allem auch unsere Partnerinnen und Partner an der Tankstelle von der Vielfalt und dem Know-how einer renommierten Marke. Und gleichzeitig bringen wir dazu auch die Flexibilität und Regionalität eines mittelständischen Energiehändlers in das Geschäft mit ein. Bei unseren Bundesautobahntankstellen sind wir mit den Marken Shell, TotalEnergies und Esso etwas bunter aufgestellt. Dies liegt aber hauptsächlich in der Historie begründet.
tW: Infolge des Veränderungsdrucks bewerten viele Marktplayer ihre Standorte neu – Ihr Unternehmen will im Tankstellengeschäft wachsen. Welche Möglichkeiten sehen Sie da? Akquirieren, neu bauen, partnern …
Bischoff: Wir wollen unser Tankstellen-Netz von aktuell rund 110 Stationen hierzulande gezielt weiter ausbauen. Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass wir bei einem extrem interessanten Standort auch einmal eine Tankstelle ganz neu bauen würden. Jedoch zielt unser Augenmerk eindeutig auf eine Akquisition schon bestehender Tankstellen-Standorte. Wichtig ist uns hier vor allem, starke und langjährige Partnerschaften zu entwickeln. Mit vielen unserer jetzigen Pächterinnen und Pächter sowie mit fast allen Partnerinnen und Partnern arbeiten wir an der Tankstelle bereits seit Jahrzehnten und teilweise generationsübergreifend sehr vertrauensvoll zusammen.
Unser Angebot richtet sich deshalb an Betreiberinnen und Betreiber, die gemeinsam mit uns langfristig die Zukunft der Mobilität gestalten möchten. Dafür bieten wir umfassende Unterstützung beim Wechsel, individuelle Shop- und Servicekonzepte, technische Expertise und nicht zuletzt ein starkes Netzwerk. Im Übrigen sind wir natürlich auch daran interessiert, falls es an einem Standort keine Nachfolgeregelung gibt, bestehende Tankstellen zu mieten oder zu kaufen. Das gleiche gilt auch, wenn ein Händlerkollege sein Tankstellennetz perspektivisch verkaufen möchte. Auch für diese Gespräche sind wir ergebnisoffen.
tW: Hinsichtlich Kooperationen: Wie sieht das Angebot von PRÄG an potenzielle Partner im Tankstellen- Geschäft aus?
Bischoff: Als Partner von PRÄG profitiert man von einem persönlichen Ansprechpartner, maßgeschneiderten Konzepten und technischer Unterstützung. Diese reicht von der Belieferung mit Kraftstoffen und, auf Wunsch, auch sehr gerne Ladestrom, über Shop-Optimierung bis hin zu energetischer Sanierung und Digitalisierung. Kurze Entscheidungswege, regionale Expertise und ein partnerschaftliches Miteinander sind für uns selbstverständlich. Unsere Vertragsmodelle sind flexibel und auf nachhaltige Zusammenarbeit ausgerichtet. Außerdem können wir markenmäßig aus dem Vollen schöpfen.
tW: Denken Sie auch über Automaten-Tankstellen im eigenen Netz nach?
Bischoff: Wir überlegen natürlich in regelmäßigen Abständen, wie wir unser Netz durch innovative Konzepte ergänzen können. Dabei kommen den Tankautomaten an klassischen Straßentankstellen eine immer stärkere Bedeutung zu. Vor Jahrzehnten hatten fast alle Tankstellen einen Tankautomaten. Im Zuge der Verlängerung der Shop-Öffnungszeiten und des Vandalismus an den Automaten hat man diese sukzessive reduziert. Aufgrund der Mitarbeiterproblematik und der damit einhergehenden Reduzierung der Öffnungszeiten stellen die Tankautomaten jedoch wieder einen wichtigen Baustein dar, um die Versorgung auch außerhalb der Öffnungszeiten sicherzustellen.
Reine Automaten-Tankstellen haben wir bisher aber nicht im Netz. Einige meiner Händlerkollegen haben schon seit vielen Jahren dieses Konzept umgesetzt. Wir haben von einem Neubau einer reinen Automaten-Tankstelle bisher Abstand genommen, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir in unserem Tankstellennetz keine eigenen PRÄG Flottenkarten anbieten. Vor dem Hintergrund der Smart Stores haben wir allerdings einen intensiveren Blick Richtung reine Automatenstation. So haben wir vor etwa einem Jahr beschlossen, das neue Verkaufsmodell auf jeden Fall dann umzusetzen, wenn die Situation eintritt, dass eine unserer bestehenden Tankstellen aufgrund von bestimmten Gründen schließt.
Dies wird in diesem Jahr eventuell der Fall sein: Ein über Jahrzehnte mit uns zusammenarbeitender Partner in zweiter Generation möchte aufhören und dort könnten wir uns gut vorstellen, die Tankstelle auf eine erste Automaten-Station von PRÄG umzustellen, um damit unsere eigenen Erfahrungen zu sammeln.
tW: Und welche Möglichkeiten gibt es aus Ihrer Sicht, mit digitalen Tools das Tankstellen-Geschäft zu stärken?
Bischoff: Digitalisierung ist für uns bereits Alltag: Mobile Payment, Pay at the Pump, digitale Vernetzung und innovative Shop-Lösungen sind für uns ein gesetzter Standard. Mit den Self-Checkout-Kassen wollen wir in unserem Tankstellennetz noch dieses Jahr starten. Da konnten wir nicht schneller aktiv werden, weil der Lieferant der Kassen und teilweise auch wir eine Abstimmung mit unserem Markenpartner Aral im Vorfeld benötigen.
Beim Thema Smart Stores verfolgen wir ebenfalls schon seit über drei Jahren die gesamte Entwicklung sehr genau, sehen jedoch aktuell noch nicht den ausreichenden Bedarf unserer Tankstellenkunden für diese Verkaufsform. Im Gegenteil, solange es die klassische Verkaufsform gibt, wird es schwierig sein, die Kundinnen und Kunden davon zu überzeugen. Digital Signage ermöglicht eine gezielte Kundenansprache und flexible Angebotsgestaltung. Wir arbeiten bereits seit einigen Jahren im Thekenbereich damit, um Preise zu kommunizieren und Aktionen im Shop- oder Waschbereich zu bewerben. Diese digitalen Kommunikations-Tools steigern nicht nur die Effizienz, sondern verbessern auch das Kundenerlebnis und machen die Tankstelle interessant.
tW: In Kempten haben Sie unlängst direkt gegenüber des PRÄG Premium-Waschparks „Glanzarena“ an Ihrer Aral-Tankstelle ein SB Carwash-Angebot geschaffen. Wird die Autowäsche in der Selbstbedienung auch an anderen PRÄG-Standorten mehr zur Option?
Bischoff: Nicht generell. Für SB-Waschanlagen mit einer Ausstattungsvielfalt, wie wir es in Kempten gebaut haben, benötigt man viel Platz. Das SB Carwash-Angebot in Kempten ist eine gezielte Ergänzung zur Glanzarena, dem größten Indoor-Waschcenter im Allgäu. Während die Glanzarena auf schnelle, komfortable und wetterunabhängige Fahrzeugpflege ausgerichtet ist, bietet die SB-Waschanlage maximale Flexibilität. Hier können beispielsweise auch größere Fahrzeuge wie Wohnmobile oder Transporter, die aufgrund ihrer Maße nicht für das Indoor-Waschcenter geeignet sind, perfekt gewaschen werden. Beide Waschanlagen ergänzen sich somit optimal. Zudem gibt es einen ganz bestimmten Kreis von Autofahrerinnen und Autofahrern, die ihr Fahrzeug nur an SB-Waschanlagen reinigen möchten. Auch diesen Kunden in Kempten und der weitreichenden Umgebung wollen wir ein umfassendes und modernes Waschangebot bieten.
tW: Herr Bischoff, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.
Interview: Rainer Wiek